Trendwalk: Trends in Berlin nachhaltig aufspüren

Berlin gilt als Trendsetter-Hauptstadt schlechthin. Künstler, Designer, Werber und Verlage, wer etwas auf sich hält, wagt den Umzug in die ehemals geteilte Metropole mit ihren noch niedrigen Mieten. Der ecoShowroom veranstaltet am 12. August einen Trendwalk, auf dem Konsumsoziologe Dr. Ragnar K. Willer den Teilnehmern auf einem fünfstündigen Rundgang durch die Stadt, die nachhaltigen Ecken Berlins und aktuelle Konsumtrends zeigen wird

Konsumsoziologe Dr. Ragnar K. Willer

Konsumsoziologe Dr. Ragnar K. Willer

Herr Dr. Willer, kann und darf man Menschen in ihrem Konsum beeinflussen?

Das ist eine schwierige Frage, weil die meisten von uns seit dem zweiten Weltkrieg in Massenkonsumgesellschaften leben, in dem wir suchen, auswählen, interpretieren, nutzen und entsorgen. Aber Wissen, natürlich qualitatives Wissen, und auch Wohlstand, können dazu führen, dass wir den Konsum nachhaltiger gestalten oder insgesamt verändern können. Wissen ist die wichtigste Ressource dafür.

Aber wie bekommen wir das Wissen zu den Menschen?
Zum einen durch Bildung, das muss schon in der Schule anfangen. Nachhaltigkeit wird da noch sträflich vernachlässigt. Und dann kann auch ein solcher Trendwalk, der sich an Orte begibt wo Wandel sichtbar ist und Menschen schon anders handeln, dazu führen, dass Konsumenten sensibilisiert werden und ihr Verhalten etwas verändern.

Was genau ist auf dem Trendwalk zu sehen?
Wir gehen an Orte des Wandels, wo neue Dinge, Lebensgefühle erkennbar sind. Nächste Woche gehen wir zu Stilrad, eine neue Radboutique und stellen die Frage: Wie verkauft man die neue Mobilität? Wir gehen zu einem Architekturforum und fragen: Wie leben wir in der Zukunft, wenn Städte weiter verdichtet werden und natürlich: Wie bauen wir in der Zukunft? Ist der deutsche Passivhaus-Standard das a und o oder gibt es da nicht neue internationale Modelle. Wir gehen auch zu Trainingslager, das ist so etwas wie ein private workout space. Die Kunden trainieren auf kleinstem Raum mit dem Trainer. Wir sprechen mit den Gründern, die bewusst auf Sauna und Wellness verzichtet haben, um Energie zu sparen und Ressourcen zu schonen.

Das heißt, es geht um Nachhaltigkeit beim Trendwalk – ein großes Zukunftsthema?
Definitiv, wer in der Zukunft überleben will, als Mensch, als Einzelner, der muss sich sehr intensiv mit dem Thema beschäftigen. Das Buzz-Word der vergangenen zehn bis zwanzig Jahre war Globalisierung. Wenn wir die Zeitung aufgeschlagen haben ging es im Zusammenhang mit Globalisierung aber auch um Klimawandel und Nachhaltigkeit, und da bedarf es drastischer Veränderungen.

Schließen sich Globalisierung und Nachhaltigkeit aus oder können wir das irgendwie vereinen?
Das Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit müssen wir global angehen, aber am Ende muss auch jeder Einzelne einen Beitrag leisten. Wir erleben gerade schon eine Art Relokalisierung, betrieben aufgrund erhöhter Transportkosten und hoher Kosten für fossile Rohstoffe. Es wird wieder mehr in Deutschland produziert, mehr in Europa. Das wird in den nächsten Jahren stärker zunehmen.

Berlin, wo der erste Trendwalk nun stattfindet, gilt als Trendhauptstadt Deutschlands, vielleicht sogar Europas. Ist sie das auch in Sachen Nachhaltigkeit?
Ja, Berlin ist die Stadt des Wandels, und wenn man sich Deutschland anguckt, dann sind viele neue Verhaltensweisen schon in Berlin früher erkennbar als in anderen Städten. Wie zum Beispiel das urbane Gärtnern, das eigene Anpflanzen von Lebensmitteln.

Wie etwa die Prinzessinnengärten.
Ja, da gibt es mittlerweile schon mehrere Beispiele. Ein weiteres Thema ist der Rückzug in die Stadt, sei es in ökologische Stadthäuser. Durch den Umzug nimmt auch der Individualverkehr ab. Auch in Sachen Eco-Fashion hat Berlin eine Vorreiterrolle eingenommen. So sieht es auch in der Kommunikation von Nachhaltigkeit aus, seien es Schrifttypen und Bilder. Und kleinere Trends wie das Recyceln von Möbeln, finden in Berlin statt. Einen wichtigen Stellenwert nimmt auch die Kombination von Bio und sozialem ein. Also nicht nur ein Bio-T-Shirt kaufen sondern auch darauf achten: Wie ist es produziert? Diese Verbindung hat auch sehr, sehr früh schon in Berlin stattgefunden.

Nachhaltigkeit heißt ja meist eher: Verzicht – bei Trendwalk denkt man aber zunächst an Konsum.
Konsum und Nachhaltigkeit sind zusammen immer sehr zweischneidig. Eigentlich müssten wir nämlich weniger konsumieren, insgesamt. Aber ich glaube, die Zukunft liegt dann eher in Produkten und Materialien, die ewige Kreisläufe haben. Das etwa ein T-Shirt nicht nur aus recycelter Baumwolle ist, sondern aus einem Material, das man ewig wieder verwenden kann. Das ist nahe am cradle-to-cradle-Ansatz, von der Wiege zur Wiege. Dass sich der Mensch von anderen abheben möchte, auch durch seinen Konsum seine Identität darstellen möchte, das werden wir niemandem ausreden können. Wir werden anders konsumieren müssen. Leider wird Nachhaltigkeit gerade in der deutschen Wirtschaft sehr substanzlos betrieben, da findet mehr Green- oder Whitewashing statt. Wie etwa Biowaschmittel aus Palmöl, meines Wissens gibt es noch keine zertifizierten Palmölplantagen. Deshalb ist auch ein Anliegen des Trendwalk, dass wir zu Orten gehen, die vielleicht noch nicht so bekannt sind, aber wo das Thema Nachhaltigkeit mit Überzeugung angegangen wird und das häufig auch in ganz anderer Form als man es sonst sieht.

Was für Impulse sollen vom Trendwalk ausgehen?
Der Impuls sollte sein, dass die Menschen, die das Thema Nachhaltigkeit betreiben, wissen, dass es noch sehr viele andere gibt, die ähnlich denken. Wir wollen Vernetzung ermöglichen, viele fühlen sich noch alleine. Und er soll Inspiration liefern, einige Verhaltensweisen einfach zu überdenken.

Anmeldungen zum Trendwalk unter trendwalk@ecoshowroom.de, Start ist in der Almstadtstraße in Berlin-Mitte um 14:00 Uhr. Die Teilnahme an dem gut fünfstündigen Trendwalk kostet 90€, ermäßigt 65€, pro Person. Geführt von Dr. Ragner K. Willer von OC EO Consult.

Text: Catharina Swantje Muuß


2 Kommentare

  1. Grünspar sagt:

    Mit Verzicht hat Nachhaltigkeit wirklich nicht viel zu tun. Es entstehen tolle Konzepte und Produkte, die Nachhaltigkeit und Lebensgefühl vereinen. Komfort und sparen sind längst keine Gegensätze mehr.

  2. [...] der von dem Konsumsoziologen Ragnar Karl Willer und seiner Agentur Oc Eo entwickelt wurde – hier ein lesenswertes Interview dazu. Veranstaltet wurde dieser Trendwalk vom EcoShowroom - und leider [...]

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